Subjektfiguren der Gefühlsvermessung: zur Bildlichkeit von Mood-Tracking-Apps

In diesem Beitrag wird implizit-bildlich vermitteltes Wissen im visuellen Auftritt zweier populärer Anwendungen zur digitalen Gefühlsvermessung – dem sogenannten Mood-Tracking – rekonstruiert. Die empirische Grundlage bilden zwei weit verbreitete Apps aus dem Privat- sowie Arbeitskontext (Daylio und...

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Bibliographic Details
Main Authors: Moritz Meister, Sarah Miriam Pritz, Aglaja Przyborski, Thomas Slunecko
Format: Article
Language:deu
Published: FQS 2025-05-01
Series:Forum: Qualitative Social Research
Subjects:
Online Access:https://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/4394
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Description
Summary:In diesem Beitrag wird implizit-bildlich vermitteltes Wissen im visuellen Auftritt zweier populärer Anwendungen zur digitalen Gefühlsvermessung – dem sogenannten Mood-Tracking – rekonstruiert. Die empirische Grundlage bilden zwei weit verbreitete Apps aus dem Privat- sowie Arbeitskontext (Daylio und Wellspace). In der Logik eines komparativ-diachronen Forschungsdesigns werden diese miteinander und entlang ihrer zeitlichen Entwicklung über fünf Jahre hinweg verglichen. Dabei fokussieren wir mit Icons und Welcome-Screens auf zwei hochgradig standardisierte Darstellungsformate, durch die ideale Nutzer*innentypen und Anwendungsszenarien symbolisch verdichtet kommuniziert werden. Methodologisch haben wir hierfür die dokumentarische Bildinterpretation für die Anwendung auf grafische User*innen-Interfaces und deren spezifische Verschränkung von Bildlichkeit, Text und Operativität adaptiert. Bildanalytisch eröffnet sich so ein systematischer Zugang zur diskursiv-normativen Seite von Subjektivierungsprozessen, da Bilder als simultane, ästhetisch-affizierende Medien spezifische Subjektfiguren unmittelbar zu (re-)präsentieren vermögen. Dabei fassen wir Mood-Tracking-Apps als multimediale Mikrodispositive, die mit übergreifenden gesellschaftlichen Diskursen in Wechselwirkung stehen. Vor diesem Hintergrund konnten wir in der Analyse drei Strukturprinzipien und Entwicklungstendenzen von Mood-Tracking identifizieren: 1. die Rahmung von emotionaler Selbstbeobachtung als Mittel zur Steigerung von individuellem Wohlbefinden und Erfolg; 2. eine neuartige Form der Affektverfügung als technologisch gestütztes Lesbarwerden des Selbst; und 3. eine bildlich inszenierte Auflösung gegensätzlicher Subjektanforderungen (Entspannung vs. Produktivität) bei gleichzeitiger Ausblendung strukturell-außenweltlicher Probleme.
ISSN:1438-5627