Poliomyelits – Folgen fehlgeschlagener Prognosen bei der Ausrottung von Infektionskrankheiten

Die Eradikation einer Infektionskrankheit bedeutet die weltweite Ausrottung eines Krankheitserregers. Dies ist der Menschheit bisher erst einmal gelungen: die Eradikation der Pocken konnte von der Weltgesundheitsorganisation nach einem zehnjährigen Programm im Jahre 1980 deklariert werden. Im Jahre...

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Main Author: Olaf Müller
Format: Article
Language:deu
Published: Heidelberg University Publishing 2024-12-01
Series:Heidelberger Jahrbücher Online
Online Access:https://servhc11.ub.uni-heidelberg.de:8443/journals/hdjbo/article/view/25082
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description Die Eradikation einer Infektionskrankheit bedeutet die weltweite Ausrottung eines Krankheitserregers. Dies ist der Menschheit bisher erst einmal gelungen: die Eradikation der Pocken konnte von der Weltgesundheitsorganisation nach einem zehnjährigen Programm im Jahre 1980 deklariert werden. Im Jahre 1988 begann die Weltgemeinschaft das Eradikations-Programm der Poliomyelitis / Kinderlähmung (GPEI). Seitdem wurde die Zahl der Polio-Fälle um über 99 % reduziert. Die ursprüngliche Prognose war allerdings, dass die Ausrottung aller Polioviren bereits im Jahre 2000 erreicht sein würde. Da sich dies als unrealistisch erwies, legte die GPEI immer wieder neue Fristen fest (zuletzt das Ende des Jahres 2023), diese konnten aber alle nicht eingehalten werden. Der Wildtyp des Poliovirus Typ 1 ist in Pakistan und Afghanistan nach wie vor endemisch und droht weiterhin, sich auf andere Länder auszubreiten. Darüber hinaus stellen sekundäre Epidemien, die durch zum Wildtyp zurück-mutierte oral applizierte Polioviren aus Impfstoffen verursacht werden, in vielen Ländern weiterhin ein großes Problem dar. Das Ziel der Polio Eradikation steht daher heute vor folgenden komplexen Herausforderungen: (1) Ablehnung oder Nicht-Durchführbarkeit der Impfprogramme in zahlreichen Ländern, insbesondere aufgrund von Krieg und Bürgerkrieg sowie humanitärer Katastrophen; (2) Übergang vom vertikalen Ausrottungsprogramm zu einer Integration der verbleibenden GPEI-Funktionen in nationale Gesundheitssysteme; (3) Globaler Wechsel von oraler Polio-Lebend-Impfung zu inaktivierter Polio-Impfung; (4) Vernichtung aller Laborbestände an Polioviren; (5) Kontrolle der Polio-Ausbreitung von Langzeitausscheidern; (6) Gewährleistung maximaler Sicherheit in Impfstoff-produzierenden Fabriken; (7) Verhinderung einer absichtlichen Verbreitung de-novo-synthetisierter Polioviren; und (8) Zunahme von Spendermüdigkeit, die durch aktuelle geopolitische Krisen noch verstärkt wird. Da sich alle Prognosen bisher als falsch erwiesen haben, erscheint es heute rationaler, GPEI zu beenden und stattdessen eine systematische und nachhaltige Polio-Bekämpfung im Rahmen einer global verbesserten allgemeinen Gesundheitsversorgung zu etablieren. Rahmen einer global verbesserten allgemeinen Gesundheitsversorgung zu etablieren.
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