Zeitgemässe integrative Förderung hochbegabter Schülerinnen und Schüler der Primarstufe
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Untersuchung zeitgemässer individueller Förderung hochbegabter Schüler:innen innerhalb einer heterogenen Klassengemeinschaft im Rahmen des regulären Unterrichts in städtischen Grundschulen. Hierzu wird folgende Forschungsfrage formuliert: Wie konstituier...
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| Format: | Article |
| Language: | deu |
| Published: |
MedienPädagogik
2025-07-01
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| Series: | MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung |
| Subjects: | |
| Online Access: | https://www.medienpaed.com/article/view/2063 |
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| Summary: | Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Untersuchung zeitgemässer individueller Förderung hochbegabter Schüler:innen innerhalb einer heterogenen Klassengemeinschaft im Rahmen des regulären Unterrichts in städtischen Grundschulen. Hierzu wird folgende Forschungsfrage formuliert:
Wie konstituiert sich zeitgemässe Förderung hochbegabter Schüler:innen der Primarstufe im Rahmen des regulären Unterrichts und welche Rolle spielen dabei digitale Medien?
Zur Antwortfindung wurden elf qualitative (offene Leitfaden-)Interviews mit Repräsentanten und Repräsentantinnen (und teilweise ihren Eltern) der Zielgruppe analysiert und in Anlehnung der von Strauss und Corbin beschriebenen Grounded-Theory-Methodologie ausgewertet. Die Stichprobenauswahl beschränkte sich auf folgende Und-Bedingungen: Festgestellte hohe Intelligenz (IQ mind. 130), Besuch einer regulären Schule/Klasse zwischen dem 1. und 6. Schuljahr; geografische Positionierung (Städteregion Aachen und Umgebung).
Die beantwortete Forschungsfrage ermöglicht eine Rekonstruktion der subjektiv empfundenen Realität der befragten Schüler:innen. Es werden (medien-)didaktische Aspekte der individuellen Förderung erarbeitet, die eine regulierende Funktion bei der Integration hochbegabter Kinder in die Unterrichtssituation oder in die Klassengemeinschaft haben können.
Die im Rahmen der ersten Phase der Analyse entstandenen Ergebnisse mündeten in drei zentrale Kategorien: «Digital wäre besser» mit dem zentralen Phänomen «Lernen mit Medien», «Die normalen Aufgaben» mit dem zentralen Phänomen «Intellektuelle Anregung» und «Die Anderen» mit dem zentralen Phänomen «Differenzen erleben». Diese bilden jeweils unterschiedliche Aspekte des Förderns im Klassenverbund ab, die aus der Perspektive der hochbegabten Schüler:innen eine relevante Rolle spielen können. Das dabei identifizierte zentrale Phänomen wurde im Rahmen der zweiten Phase herausgearbeitet und als «Nivellierung von Gegebenheiten» bezeichnet. Es umfasst das Gleichgewicht zwischen den individuellen Voraussetzungen der Zielgruppe und dem subjektiv erlebten Unterrichtsgeschehen. Weiterhin konnten auf Basis der vorhandenen Interviewdaten drei Typologien hochbegabter Schüler:innen entwickelt werden: «der unauffällige Typ», «der resignierende Typ» und «der handelnde Typ». Diese Darstellung erschien von wesentlicher Bedeutung, um den aktiven und individuellen Förderbedarf zu identifizieren. Im Verlauf der Untersuchung trat zudem die Kategorie des (medialen) Habitus hochbegabter Schüler:innen hinzu, die ebenfalls eine weitere Perspektive bei der Frage nach dem Inhalt adäquater Förderung im Rahmen des Unterrichtes eröffnete. Diese Kategorie floss zwar im Rahmen der zweiten Analyse-Phase als Teil der möglichen intervenierenden und kontextuellen Bedingungen ein, bedurfte jedoch nach Ansicht der Autorin einer gesonderten Darstellung, da sie zusätzliche Erklärungen für die Beantwortung der Forschungsfrage lieferte.
In der Arbeit wurde festgestellt, dass die Konstituierung einer zeitgemässen Förderung hochbegabter Schüler:innen eine komplexe, vielseitig gestaltbare und nicht generalisierbare Angelegenheit darstellt. Die Notwendigkeit einer aktiven Berücksichtigung individueller (sowohl interpersoneller als auch intrapersoneller) Differenzen im regulären Unterricht wurde im Rahmen der Analyse ersichtlich. Deren Wahrnehmung und eine entsprechende Anpassung der didaktischen Handlungen auf die spezifischen Gegebenheiten sind erforderlich. Ein ausgeprägtes «Erleben von Differenzen» im Kontext der Klassengemeinschaft kann das Auftreten des Phänomens «Nivellierung von Gegebenheiten» bewirken und schliesslich zum sozialen Ausschluss und Stigmatisierung der hochbegabten Schüler:innen führen. Zudem wurde eine sehr prägnante Rolle der familiären Umwelt bei der (Weiter-)Entwicklung von Hochbegabung ersichtlich. Im Verlauf der Analyse tauchten immer wieder Details der familiären Umwelt der Kinder im Zusammenhang mit Bildung, Lernen und medialer Nutzung auf. Sie bildeten einen Kontrast zur schulischen Umwelt und wurden als regulierende Bedingungen in den zentralen Kategorien aufgegriffen, da sie jeweils beim Auftreten des Phänomens («Lernen mit Medien», «intellektuelle Anregung» oder «Differenzen erleben») eine verstärkende oder eine mindernde Rolle spielen können. Es konnten Gemeinsamkeiten in den Interviews festgestellt werden, die eine offene Positionierung der Eltern zu einer freien Entdeckung und Entfaltung der Interessen der betreffenden Kinder verdeutlichen. Insbesondere fällt auf, dass Bildungserwerb nicht auf den Besuch der Schule als Bildungsort beschränkt wird, sondern einen – von Geburt an – fortlaufenden Ist-Stand abbildet. Der Habitus der hochbegabten Kinder und ihre Familien unterscheidet sich im Hinblick auf die «intellektuelle Anregung» und das «Lernen mit Medien» stark vom Habitus der Bildungsinstitution Schule. Insbesondere der «mediale Habitus» der schulischen Institution führt durch eine überwiegend analoge, teilweise antiquierte und unflexible Lernkultur zur Unterforderung. Der Einsatz digitaler Medien in der Schule erfolgt sporadisch und selbst im Rahmen der individuellen Förderung ohne in einen erkennbaren didaktischen Plan eingebunden zu sein. Das Potenzial digitaler Medien für den regulären Unterricht sowie die individuelle Förderung wird hiernach nicht ausgeschöpft. Der insgesamt hohe Bildungshintergrund der Familien und deren zur Verfügung stehende Ressourcen jeglicher Art deuten auf eine Reproduzierbarkeit in Abhängigkeit des Herkunftsumfelds hin.
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| ISSN: | 1424-3636 |